Wechselbad der Gefühle

Der Handball ist immer wieder für neue kuriose Geschichten gut. So wie am Sonntag beim Kellerduell in der Verbandsliga zwischen Borussia Brand und dem TV Köln-Wahn. Das „Flughafen-Team“ lag neun Minuten vor dem Ende deutlich mit 19:26 zurück, kam dank einer furiosen Aufholjagd aber zu einer kaum mehr für möglich gehaltenen 29:29 (11:17)-Punkteteilung.

Nach Spielende lagen sich die Spieler und Anhänger der Gäste überglücklich in den Armen. Denn obwohl die Punkteteilung im Abstiegskampf eigentlich zu wenig ist – gemessen am Spielverlauf ist das Resultat als Erfolg zu werten. Zehn überragende Minuten reichten Wahns Handballern aus, um trotz einer insgesamt schwachen Vorstellung nicht als Verlierer vom Feld zu gehen. So war der Punktgewinn vor allem wichtig für die Moral der Mannschaft und verleiht Rückenwind für das schwere Auswärtsspiel am kommenden Samstag beim Tabellenvierten CVJM Oberwiehl.

Die Vorzeichen für das Spiel in Brand waren alles andere als optimal. Linkshänder Alexander Busche fiel wegen einer Nackenprellung, die er sich bei einem Autounfall unter der Woche zugezogen hatte, aus. So musste das Team von Trainer Torsten Tietgen ohne etatmäßigen Halbrechen auskommen. Mesut Sümercan biss auf die Zähne und spielte trotz einer noch immer nicht ganz auskurierten Zerrung. Auch Linksaußen Jürgen Proske stellte sich in den Dienst der Mannschaft und lief grippegeschwächt auf. Seine wichtigen Siebenmetertore in der Schlussphase der Partie waren mitausschlaggebend für das Happy Ende aus Kölner Sicht.

Trotz der Freude, die am Ende überwog, wird über die desolate Vorstellung, die der TV Wahn bis zur 50. Minute bot, noch zu sprechen sein. Das „Flughafen-Team“ präsentierte sich in der Defensive ohne jegliche Aggressivität, so dass fast jeder Brander Torwurf ein Treffer war. Nach ausgeglichenem Beginn (4:4/9.) zogen die Gastgeber bis auf 12:6 (15.) davon. In Anbetracht der Bedeutung des Spiels vollkommen unverständlich, wie so eine Leistung zustande kommen konnte. Und weil sich bis zum Seitenwechsel nichts änderte, fiel die Kabinenansprache von Torsten Tietgen dementsprechend laut aus.

Zwar bot sich den rund 100 Zuschauern nach der Pause zunächst das gleiche Bild – Brand führte über 21:14 (40.) und 23:17 (45.) neun Minuten vor dem Ende mit 25:19 -, doch urplötzlich nahmen die Gäste den Kampf an. Nachdem Torsten Tietgen sieben Minuten Schluss alles auf eine Karte setzte und seine Schützlinge zu einer offenen Manndeckung beorderte, fing der Gegner an zu schwimmen. Die Aachener verloren trotz einer 27:23-Führung (53.) jegliche Spielkontrolle, leisteten sich im Angriff technische Fehler oder scheiterten an Wahns Torwart Thomas Ehlert, der in der Schlussphase zahlreiche wichtige Bälle abwehren konnte.

Auch eine Auszeit von Borussen-Spielertrainer Jozo Petrovic konnte das überhastete Spiel der Brander nicht mehr beruhigen. Als die Gäste vier Minuten vor Schluss auf 26:28 verkürzten, hielt es die vielen mitgereisten Wahner Fans nicht mehr auf ihren Plätzen. Brand erhöhte zwar noch einmal auf 29:27, doch auch dieser Vorsprung sollte nicht zu einem Sieg der Gastgeber ausreichen. Christopher Busche verwertete ein Kreisanspiel von Benjamin Jäger drei Sekunden vor dem Ende zum umjubelten 29:29-Ausgleich, der die Hoffnung im Kampf gegen den Abstieg weiter leben lässt.

Für den TV Wahn trafen: Tim Fuhrmann (6), Christopher Busche (6/1), Benjamin Jäger (5), Jürgen Proske (5/4), Markus Filp (4), Michael Siebert (2) und Daniel Esser (1).

Tobias Carspecken

Fotos vom Spiel von Thomas Schmidt