Das Wunder von Weiden

Paukenschlag in der Handball-Verbandsliga: Der TV Köln-Wahn hat sein Auswärtsspiel beim Tabellenzweiten DJK Westwacht Weiden dank einer starken zweiten Halbzeit mit 31:29 (13:17) gewonnen. Für die Mannschaft von Trainer Torsten Tietgen, die erneut einen deutlichen Rückstand wettmachte, war es der zweite Sieg in Folge.

Als die Überraschung perfekt war, tanzten die Spieler in Blau-Weiß mit ihren Fans gemeinsam im Kreis. Es waren Momente des Glücks, die die zahlreichen Niederlagen der vergangenen Monate vergessen machten. Auf beeindruckende Art und Weise ist es Wahns Handballern am Samstagabend gelungen, im Kampf um den Klassenerhalt ein dickes Ausrufezeichen zu setzen. Denn wie wichtig dieser Sieg war, verdeutlicht ein Blick auf die Tabelle: Weil Palmersheim sein Spiel gegen Fortuna Köln gewann, hätte der Rückstand auf das rettende Ufer im Falle einer Niederlage auf vier Punkte anwachsen können. So aber sind es weiterhin nur zwei Zähler. Und noch wichtiger: Das untere Mittelfeld rückt langsam wieder in greifbare Nähe.

Die Mannschaft von Trainer Torsten Tietgen war als klarer Außenseiter ins Aachener Land gereist. Die Westwacht hatte ihre letzten vier Spiele allesamt gewonnen, belegt einen Aufstiegsplatz und ist vor allem zu Hause eine Macht. So war klar: Es musste schon viel zusammenkommen, damit das „Flughafen-Team“ nicht mit leeren Händen zurück in die Domstadt reist. Und siehe da: Es kam viel zusammen.

Zunächst deutete jedoch wenig auf eine Überraschung hin. Nach ausgeglichener Anfangsphase war es vor allem Marc Schlingensief, der der Wahner Deckung große Probleme bereitete. Weidens Linkshänder war mit neun Treffern in den ersten 30 Minuten der überragende Akteur des ersten Durchgangs. Für Wahn kam erschwerend hinzu, dass das Team einige aussichtsreiche Torchancen ungenutzt ließ. So konnte sich Weiden über 7:5 und 10:7 zur Pause auf 17:13 absetzen.

In der Halbzeit forderte Torsten Tietgen seine Spieler auf, noch stärker mit Konzept zu spielen und geduldig auf die Torchance zu warten. Denn hätte das „Flughafen-Team“ versucht, gegen die wieselflinken Weidener das hohe Tempo mitzugehen, wäre dieser Versuch wohl böse geendet. Außerdem entschied sich Tietgen für eine Manndeckung gegen Marc Schlingensief, um den Aktionsradius des derzeit erfolgreichsten Verbandsliga-Schützen einzuengen. Die taktische Maßnahme sollte greifen: Schlingensief traf im zweiten Durchgang nur noch ein Mal, und seine Mitspieler hatten große Probleme, die Manndeckung gegen den Torjäger zu kompensieren.

Die Anfangsphase des zweiten Durchgangs gehörte aber trotzdem dem Gegner. Die Westwacht zog innerhalb weniger Minuten auf 20:14 weg. Die Partie schien entschieden, kaum jemand unter den 200 Zuschauern in der Sporthalle an der Parkstraße hätte gedacht, dass sich der Tabellenzweite gegen den Vorletzten diesen Vorsprung noch einmal nehmen lassen würde. Doch der Handball schrieb am Samstagabend ein weiteres denkwürdiges Kapitel. Schon gegen Borussia Brand war es dem „Flughafen-Team“ gelungen, innerhalb von nicht einmal zehn Minuten einen Sieben-Tore-Vorsprung zu egalisieren. Gegen Weiden benötigte der TV Wahn nur sechs Minuten, um aus einem 14:20-Rückstand einen 21:21-Gleichstand (40.) zu machen.

Wahn war 20 Minuten vor dem Ende also auf wundersame Weise zurück im Spiel – und von Minute zu Minute wuchs innerhalb der Mannschaft und bei den wieder einmal zahlreich mitgereisten Fans, die die Mannschaft 60 Minuten nach vorne peitschten, die Hoffnung auf die große Überraschung. Die Wahner Deckung stand in den zweiten 30 Minuten wie eine blau-weiße Wand, die sich variabel verschob und mit ihrer Aggressivität den Kontrahenten ins Schwimmen brachte. Auch Thomas Ehlert im Tor zeigte sich nach der Pause von seiner besten Seite und parierte zahlreiche Würfe. Symbolisch für den Willen dieser Mannschaft war, dass Alexander Busche trotz einer Verletzung am Arm und großer Schmerzen auf die Zähne biss und der Deckung spürbare Sicherheit gab.

Doch nicht nur in der Defensive präsentierte sich das „Flughafen-Team“ nach Wiederbeginn wie ausgewechselt. Im Angriff wurden die Torchancen viel konsequenter ausgenutzt, die Statistik unterstreicht die hohe Effektivität: 18 von 25 Angriffen in der zweiten Hälfte wurden erfolgreich abgeschlossen. Maßgeblichen Anteil daran hatten die beiden Rückraumschützen Daniel Esser und Thorsten Dolinski, die in der zweiten Hälfte jeweils fünf Tore erzielten und gegen das unglücklich agierende Weidener Torhütergespann nach Belieben trafen.

So schafften es die Gäste, die Partie komplett auf den Kopf zu stellen. Vom 24:23 (47.) bis 29:28 (55.) lag das „Flughafen-Team“ durchgehend in Führung, ehe das Spiel in seine entscheidenden Sekunden ging. Den Weidener Ausgleich zum 29:29 (57.) beantwortete Markus Filp mit der erneuten Gästeführung. Im folgenden Angriff der Westwacht ereignete sich dann die wohl spielentscheidende Szene. Marc Schlingensief setzte einen Siebenmeter neben das Tor von Marcel Mikolai, den Tietgen für diesen Strafwurf eingewechselt hatte. Als Daniel Esser schließlich mit dynamischem Antritt zum 31:29 erhöhte, war die Partie zu Wahner Gunsten entschieden und die Überraschung des Spieltags perfekt. Der Rest war blau-weißer Jubel.

Das Spiel in Weiden war ein weiterer Beleg für die große Moral, die der TV Wahn in diesen Wochen zeigt. Schon gegen Borussia Brand und den MTVD Köln gab sich die Mannschaft trotz zwischenzeitlich hoher Rückstände nicht auf, kämpfte sich zurück und wurde stets belohnt. Für die Zukunft und den weiteren Kampf um den Klassenerhalt ist das eine ganz wichtige Tugend.

Für den TV Köln-Wahn spielten und trafen: Thomas Ehlert, Marcel Mikolai; Thorsten Dolinski (6), Daniel Esser (5), Michael Siebert (4), Christopher Busche (4/4), Markus Filp (3), Mesut Sümercan (3), Jürgen Proske (2), Benjamin Jäger (2), Tim Fuhrmann (2), Alexander Busche, Florian Lenzen.

Tobias Carspecken

Bilder vom Spiel von Thomas Schmidt